„Die Lage ist sehr ernst“

PET2PET-Recycling: Im Bereich Kunststoff sind derzeit in Österreich noch zwei PET-Recyclingwerke im Vollbetrieb, andere Werke sind bereits zu drei Viertel der Gesamtkapazität stillgelegt © Werner Streitfelder
PET2PET-Recycling: Im Bereich Kunststoff sind derzeit in Österreich noch zwei PET-Recyclingwerke im Vollbetrieb, andere Werke sind bereits zu drei Viertel der Gesamtkapazität stillgelegt © Werner Streitfelder
ARA Vorstand Werner Knausz © Werner Streitfelder
ARA Vorstand Werner Knausz © Werner Streitfelder

20.05.2020

Mehr Kunststoffe recyceln und mehr recycelte Kunststoffe in neuen Produkten einsetzen, ist eine zentrale Forderung. Doch derzeit brechen dem Kunststoff-Recycling die Märkte weg. Der Umweltgedanke rückt aufgrund der Covid-19 Pandemie in den Hintergrund. Im Interview mit dem Kunststoff-Cluster fordert ARA Vorstand Werner Knausz finanzielle Unterstützung zur Aufrechterhaltung der Entsorgungs- und Recyclinginfrastruktur in Österreich, um irreparablen Schaden für die Abfall- und Recyclingwirtschaft abzuwenden.

Die Kunststoffverarbeiter produzieren derzeit weniger und benötigen weniger Rohstoffe und Rezyklate. Der Ölpreis hat ein Rekordtief erreicht. Was bedeutet dies für die Kunststoff-Recyclingbranche?

Die COVID-19-Krise trifft die gesamte Abfall- und Recyclingwirtschaft substanziell – mit der Gefahr eines langfristigen Strukturschadens. Im Bereich Kunststoff sind derzeit in Österreich noch zwei PET-Recyclingwerke im Vollbetrieb, andere Werke sind bereits zu drei Viertel der Gesamtkapazität stillgelegt! Der Hauptgrund dafür sind massive Abnahmestopps der produzierenden Industrie und der Rohöl-Preisverfall um mehr als 60 Prozent. Jetzt werden weitaus billigere Primärrohstoffe den ökologischeren, aber teureren Rezyklaten vorgezogen. Für die Kunststoff-Recyclingbranche bedeutet das: Einbruch der Nachfrage, partieller Stillstand der Betriebe und viele gefährdete Arbeitsplätze. Kurz: Die Lage ist sehr ernst.

Wie können Recycling-Unternehmen die COVID-Krise überstehen? Welche Maßnahmen können sie setzen bzw. müssen von anderen gesetzt werden?

Unserer Überzeugung nach, ist finanzielle Unterstützung zur Aufrechterhaltung der Entsorgungs- und Recyclinginfrastruktur in Österreich dringend notwendig. Als Marktführer hat die ARA deshalb ein Resilienzpaket für die heimische Kreislaufwirtschaft erarbeitet und an die zuständigen Stellen in BMK, BMDW und BMF übermittelt – aktuell warten wir auf Reaktionen und planen dann die nächsten Schritte. Die Branche braucht dringend wirksame Hilfe, damit die Kreislaufwirtschaft nur wenige Monate verliert und nicht durch Insolvenzen um Jahre zurückfällt!

Wie schätzen Sie die Erreichung der Recyclingquoten bis 2025 für Kunststoffverpackungen ein?

Wir gehen davon aus, dass die Erreichung der EU-Ziele massiv erschwert wird, wenn die notwendigen Entscheidungen nicht rasch getroffen werden und es wirksame Hilfe gibt. Die ARA hat in der Finanzkrise 2008 die Recyclingbetriebe finanziell unterstützt. In Österreich haben dadurch alle Recycler die Krise überstanden und wir können nach wie vor mehr als 90 Prozent aller unserer Kunststoffverpackungen in Österreich rezyklieren. In Deutschland waren nach der Finanzkrise 2008 mangels Finanzhilfe rund 50% der Recyclingbetriebe des Kunststoff-Sektors insolvent. Die daraus resultierenden Folgen dauern bis heute an. Mangels fehlender Recyclingkapazitäten müssen bis heute noch mehr als eine Million Tonnen Kunststoffe jährlich zum Recycling ins Ausland transportiert werden! Ein Szenario wie dieses bringt der gesamten Abfallwirtschaft signifikante Nachteile, kostet Arbeitsplätze und würde auch die Erreichung der EU-Ziele beträchtlich erschweren.

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